Manchmal stolpert man über ein Wort – und landet bei sich selbst.
Eine kleine Geschichte über Gewohnheiten, Verlustangst und ein Gehirn, das lieber Energie spart.
Inhalt
Der Begriff fiel mir vor die Füße.
Wie so viele Begriffe gerade.
Habit Coaching.
Noch so ein Wort.
So glatt. So optimiert. So LinkedIn-kompatibel.
Und ich?
Ich bin ehrlich gesagt genervt.
Nicht vom Begriff.
Von mir.
Von meinen eigenen Routinen.
Von diesem immergleichen inneren Drehbuch.
Von „Ich fang gleich an“ – das sich anhört wie ein Versprechen, aber meistens ein Ausrede im Schlafanzug ist.
Und dann diese Modewörter.
Mindset. Fokus. Performance. Habit.
Übersetze ich „Habit“ ins Deutsche, wird es auch nicht besser.
„Gewohnheit“.
Das klingt wie beige Cordhose.
Praktisch. Strapazierfähig. Emotional ungefähr auf der Höhe einer Steuererklärung.
Und vielleicht war es genau dieser Moment, in dem mein Gehirn kurz schluderte.
Habit.
Rabbit.
Klingt ja fast gleich.
Rabbit Coaching.
Irgendwie süß.
Ich musste schmunzeln.
Und da war er plötzlich.
Der Hase.
Nicht als Methode.
Nicht als Metapher aus dem Lehrbuch.
Sondern als inneres Bild.
Ein bisschen nervös.
Ein bisschen wachsam.
Und erstaunlich klug.
Kein Wunder, dass mein innerer Hase mir da spontan den Mittelfinger zeigt.

Ich weiß es doch eigentlich besser.
Ich habe eine Wissensschublade.
Neurowissenschaft. Klingt gut. Ist auch klug.
Da liegen sie, die Sätze:
- Unser Gehirn ist rein funktional.
- Es sichert Überleben.
- Es spart Energie.
Das war schon bei den Dinosauriern so.
Und manchmal fühle ich mich genauso.
Groß im Anspruch.
Und erstaunlich unbeweglich im Alltag.
Fakt ist:
Unser Gehirn hat genau zwei Aufgaben:
- Überleben sichern.
- Energie sparen.
Mehr nicht.
Keine Aufgabe lautet:
Andrea zu einem strukturierten, hochmotivierten Morgenmenschen entwickeln.“
Kein Wunder also, dass ich an einen Hasen denken muss.
Mit seinen klugen Fluchtreflexen.
Mit seinem Radar für alles, was nach unnötiger Anstrengung riecht.
Veränderung?
Für das Gehirn erst mal: Verdächtig.
Kostet Energie.
Unbekanntes Terrain.
Also lieber: Bewährte Schleife.
Und jetzt kommt der Klassiker: „Ich will das nicht mehr.“
Hier wird es tragikomisch.
Denn unser Gehirn kennt kein „Nein“.
Wenn ich denke:
„Ich will nicht sofort ans Handy.“
Was bleibt hängen?
Handy.
Wenn ich sage:
„Ich darf jetzt bloß nicht wieder …“
Was bekommt volle Aufmerksamkeit?
Genau das.
Und „Ja“ – selbstverständlich denkt gerade niemand an rosa Elefanten.
Das ist keine Charakterschwäche.
Das ist Biologie mit System.
Mit „Ich will das so nicht mehr!“ zu starten, ist ungefähr so sinnvoll wie einem Hasen zuzurufen:
„Bleib jetzt ruhig!“
Während man auf ihn zuläuft.
Er wird springen.
Immer.
Und ich springe mit.
Zurück in die Warteschleifenmusik.
Die Schleife, die keiner bestellt hat
Unser Gehirn liebt Effizienz.
Automatisiertes Verhalten spart Energie. „Kenn ich. Mach ich. Weiter..“
Und so sieht es aus:
- Kaffee → Kippe
- Stress → Süßes
- Unsicherheit → Ausweichen
- Leere Minute → Scrollen
Wie diese telefonische Warteschleife mit Musik, die niemand freiwillig hören würde.
Und trotzdem bleibst du drin.
Weil Auflegen ja auch irgendwie eine Entscheidung ist.
Ich bin nicht unmotiviert.
Ich bin neurobiologisch konsequent.
Das ist ein Unterschied.
Vielleicht ist es gar kein Schweinhund.

Ich mag dieses Bild nicht.
Zu viel Kampf. Zu viel Disziplin-Rhetorik.
Vielleicht ist da einfach nur ein Hase.
Wachsam. Sensibel. Energieeffizient.
Und vielleicht bin ich auch nicht faul.
Sondern folge einem System, dass seit der Dinosaurierzeit ziemlich gut funktioniert.
Nur eben nicht optimal für moderne To-do-Listen.
Und jetzt wird es spannend.
Denn unser Gehirn lässt sich austricksen.
Nicht mit Druck.
Nicht mit „Reiß dich zusammen“.
Nicht mit moralischem Dauerfeuer.
Sondern mit einer Idee, die zündet.
Mit etwas, dass nicht nach „Pflicht“ schmeckt,
sondern nach „Oh!“.
Etwas, wofür ich brenne.
Etwas, das mich nicht in Disziplin zwingt,
sondern in Engagiertheit katapultiert.
Engagiertheit fühlt sich anders an als Motivation.
Motivation ist ein Strohfeuer.
Engagiertheit ist innere Beteiligung.
Wenn ich wirklich beteiligt bin, brauche ich mich nicht austricksen.
Dann will ich.
Und plötzlich springt der Hase nicht weg.
Er springt mit.
Und hier kommt der eigentliche Aha-Moment.
Vielleicht scheitern wir nicht an Disziplin.
Nicht an Zeit. (Denn davon gibt es satt).
Nicht an fehlender Struktur.
Vielleicht scheitern wir an einem einzigen Wort.
„Ich müsste.“
„Ich sollte.“
Allein diese beiden Sätze lösen in mir körperlich etwas aus.
So ein innerliches Zusammenziehen.
Fast Brechreiz.
„Ich müsste noch …“
„Ich sollte endlich …“
Merkt ihr das?
Wie der Körper sofort in Abwehr geht?
„Müssen“ riecht nach Zwang.
„Sollte“ klingt wie erhobener Zeigefinger im Sonntagskostüm.
Und unser Gehirn?
Das hört bei Zwang nur eins: Gefahr.
Energieverlust. Widerstand.
Kein Wunder, dass der Hase die Ohren anlegt.
Kein Wunder, dass er springt.
Und jetzt wird es ehrlich:
Sobald ich an „Veränderung“ denke, springt bei mir etwas ganz anderes an.
Keine Faulheit.
Keine Bequemlichkeit.
Sondern diese subtile, sofortige Verlustangst.
Was, wenn ich etwas aufgebe?
Was, wenn mir etwas fehlt?
Was, wenn ich mich am Ende selbst verliere zwischen all den „optimierten“ Versionen?
Paradox, oder?
Ich will etwas anderes – und gleichzeitig will ich nicht verlieren.
Das Gehirn liebt Bewährtes.
Auch wenn es uns nervt.
Denn Bewährtes ist sicher.
Selbst mittelmäßige Gewohnheiten fühlen sich für unser System sicherer an als unbekannte Verbesserungen.
Also halte ich fest.
Und nenne es „fehlende Disziplin“.
Dabei ist es oft nur Schutz.
Solange ich sage: „Ich müsste …“,
bleibt mein Gehirn im Sparmodus.
Und solange Veränderung sich nach Verlust anfühlt,
bleibt der Hase im Gebüsch, in der Deckung.
Und wenn ich sage:
„Ich will, weil …“
„Ich entscheide mich für …“
„Das ist mir wichtig, weil …“
Dann verändert sich etwas.
Nicht dramatisch.
Aber spürbar.
Der Druck geht raus.
Die Energie geht rein.
Und plötzlich fühlt es sich nicht mehr an wie „Ich zwinge mich“.
Sondern wie „Ich bin beteiligt“.
Engagiert.
Und genau da springt der Hase nicht weg.
Er richtet sich auf.
Und läuft mit.
Hand aufs Herz:
Was würdest du tun, wenn „Ich müsste“ offiziell aus deinem Wortschatz gestrichen wäre – und niemand käme, um dich zu kontrollieren?
Ach ja.
Falls jemand jetzt auf die Definition wartet:
Habit-Coaching beschäftigt sich mit dem bewussten Verändern von Gewohnheiten – mithilfe von Struktur, Auslösern und Wiederholungen.
Klingt vernünftig.
Fühlt sich nur selten so an.