Therapeutisch gesehen: Achtung Baustelle!

Heute weiß ich: Ich bin ein Natur- und Erlebnispark.

Inhalt

Neulich sagte jemand mit einem liebevollen Lächeln zu mir:
„Also therapeutisch gesehen … bist du ja schon eine kleine Großbaustelle.“

Ich musste lachen.

Früher hätte mich das vermutlich getroffen.
Großbaustelle klingt schließlich nach Presslufthammer, Staub und einem Schild mit der Aufschrift:

Betreten auf eigene Gefahr.“

Wenn ich ehrlich bin:
Aus therapeutischer Sicht gibt es bei mir tatsächlich einiges, das unter Denkmalschutz stehen könnte.

Ein paar alte Gemäuer stammen aus sehr früher Zeit.
Missbrauchserfahrungen im Kleinkindalter zum Beispiel.
Nicht gerade das Fundament, das Architektinnen in Hochglanzbroschüren empfehlen.

Dann stehen hier ein paar Gewohnheiten herum, die eher nach Suchtmuster aussehen als nach gepflegter Parkbank.

Und irgendwo in der Anlage wohnt eine Persönlichkeitsstörung, die gelegentlich durch die Gegend läuft wie ein schlecht gelaunter Bauleiter und ruft:
„Hier stimmt ja überhaupt nichts! Das reißen wir alles noch mal auf!“

Dazu kommt eine Hochsensibilität, die ungefähr so funktioniert wie ein Küchenschwamm auf Koffein.

Der saugt wirklich alles auf.

Freude.
Stimmungen.
Unausgesprochene Spannungen.

Leider auch den emotionalen Dreck, den andere achtlos liegen lassen.

Und dann gibt es noch ein paar neuralgische Nervenenden, die manchmal einen Sound spielen, den ich ohne Medikamente nicht einmal mit guten Kopfhörern herunterregeln kann.

Kurz gesagt:

Aus therapeutischer Sicht sieht das Gelände durchaus nach komplexem Baugebiet aus.

Früher fühlte sich das auch so an.

Wie eine Baustelle, auf der ständig irgendwo ein Gerüst steht.
Hier ein aufgerissener Boden.
Dort ein Warnschild.

Ich scheue allerdings nicht die Arbeit.

Vieles Sperrige aus der Kategorie Sondermüll wurde inzwischen erfolgreich abtransportiert.

Andere Bereiche sind immerhin klar gekennzeichnet:

Echt ätzend.“
„Vorsicht – scharfe Kanten.“

Das schafft Orientierung.

Uwaga

Über der Tür unserer Werkstatt hängt ein großes gerahmtes Foto.

Darauf steht nur ein Wort:

UWAGA!

Das polnische Wort für:
Achtung – Baustelle.

Was für ein wundervolles Wort.

Es klingt fast rhythmisch.
Ein bisschen wie der Aufruf zum Sonnentanz der Stammesfürsten in Papua-Neuguinea.

Und irgendwie passt es erstaunlich gut zu meinem Innenleben.

Die Sache mit den Schubladen

In therapeutischen Zusammenhängen entstehen schnell Etiketten.

Diagnosen.
Bezeichnungen.
Schubladen.

Sie helfen beim Verstehen.
Sie helfen beim Sortieren.
Sie helfen manchmal sogar beim Behandeln.

Doch sie haben eine kleine Nebenwirkung:

Sie kleben ziemlich gut.

Plötzlich steht ein Satz im Raum wie:

„Ich bin depressiv.“
„Ich bin traumatisiert.“
„Ich bin halt so.“

Dieser kleine Satz hat eine enorme Wirkung.

Denn „ich bin“ klingt endgültig.

Wie eine Beschriftung auf einer Archivschublade.

Irgendwann habe ich deshalb eine kleine sprachliche Renovierung beschlossen.

Das Wort „ich bin …“ fliegt in solchen Zusammenhängen aus meinem Wortschatz.

Stattdessen heißt es:

Ich habe Erfahrungen gemacht.
Ich habe Muster entwickelt.
Ich habe empfindliche Stellen.

Und alles, was ich habe, kann ich betrachten.

Vielleicht verändern.
Vielleicht umlagern.
Vielleicht irgendwann sogar entsorgen.

Nicht alles verschwindet vollständig.
Einige Dinge bleiben Teil der Landschaft.

Aber ein Umgang lässt sich immer finden.

Und genau da beginnt Entwicklung.

Nicht als Bauplan mit endlosen Kosten.

Eher wie eine Wegbeschreibung durch das eigene Gelände.

Alles, was ich habe, kann ich verändern.
Mit allem, was ich bin, kann ich leben.

Naturpark statt Beton

Heute betrachte ich dieses Gelände liebevoller.

Eher wie einen Naturpark.

In einem Naturpark gibt es schließlich alles:

Dichte Wälder.
Offene Wiesen.
Wege, die plötzlich im Gebüsch enden.

Nicht jede Ecke ist geschniegelt.
Nicht jeder Pfad perfekt angelegt.

Und genau das macht den Charme aus.

Ein Naturpark wächst.

Langsam.
In Jahreszeiten.

Ohne Bauplan.

Und manchmal gibt es in solchen Landschaften auch Industriebrachen.

Ich liebe solche Orte.

Alte Backsteinmauern.
Rostige Stahlträger.
Überwucherte Gleise.

Dort ist Geschichte spürbar.

Nichts davon wirkt geschniegelt oder fertig –
und trotzdem entsteht eine eigene Schönheit.

Die Natur wächst darüber.

Nicht gegen die Vergangenheit.

Einfach weiter.

Die Natur wächst nicht gegen die Vergangenheit.
Sie wächst einfach weiter.

Vielleicht funktioniert Entwicklung manchmal genauso.

Ent-wicklung

Und vielleicht steckt das sogar schon im Wort.

Ent-wicklung.

Das bedeutet nämlich zweierlei.

Zum einen:
etwas ent-wickeln.

Also enttüddeln.
Knoten lösen.
Verstrickungen vorsichtig auseinanderziehen.

Wie der Kabelsalat hinter dem Fernseher, bei dem irgendwann jemand den Mut hat zu sagen:

„So. Jetzt entwirren wir das mal.“

Und gleichzeitig bedeutet Entwicklung auch das Gegenteil.

Etwas entwickeln.

Eine Idee.
Eine Vision.
Eine Richtung.

Davon habe ich reichlich.

Visionen für
Aussteiger guten Mutes,
für Freaks mit Weitblick,
für Initiatoren mit Erkundungsdrang,
für die Forrest Gumps der Echtzeit,

die loslaufen, ohne den ganzen Weg zu kennen –
und unterwegs merken, dass genau dort das Leben passiert.

Ent-wicklung bedeutet manchmal einfach:
ein paar Knoten lösen – und wieder losgehen.

Und ein bisschen Erlebnispark ist auch dabei

Ganz ehrlich:

Ein paar Bereiche erinnern weniger an Waldweg und mehr an Achterbahn.

Da gibt es emotionale Loopings.
Kurven, die ohne Vorwarnung kommen.
Und innere Sicherheitsbügel, die manchmal etwas spät einrasten.

Manche Tage fühlen sich an wie die ruhige Bank am Waldrand.

Andere wie der Moment, in dem die Achterbahn ganz oben einrastet und kurz innehält.

Dieser Moment, in dem alles still ist.

Und der Gedanke auftaucht:

„Interessante Idee, hier einzusteigen.“

Dann geht es wieder runter.

Lebendig eben.

Vielleicht ist Entwicklung kein Bauprojekt

Früher dachte ich, irgendwann müsste alles fertig sein.

Therapeutisch sortiert.
Emotional aufgeräumt.
Innerlich geschniegelt wie ein frisch gepflasterter Marktplatz.

Heute glaube ich etwas anderes.

Dieses Gelände bleibt in Bewegung.

Ein paar alte Mauern bleiben stehen.
Ein paar Wege werden neu entdeckt.
Einige Bereiche brauchen Pflege.

Andere wachsen ganz von allein.

Und manchmal stellt sich heraus, dass ausgerechnet die wilde Ecke die schönste Aussicht hat.

Vielleicht ist dieses Leben keine Großbaustelle.

Vielleicht ist es eher ein Gelände voller Leben.

Mit Baustellen, ja.
Mit Reparaturen auch.

Aber vor allem mit Wegen, die tragen.

Und mit Überraschungen hinter der nächsten Kurve.

Ich bin keine Großbaustelle.
Ich bin ein Natur- und Erlebnispark.

Und der Eintritt lohnt sich.

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