Fluch & Segen. Pest & Cholera.

Oder: Der Algorithmus wollte mich – der Hacker bekam mich.

Inhalt

Ich dachte lange, ich hätte alles im Griff.
Meine Sichtbarkeit. Meine Reichweite. Meine Identität.

Social Media versprach Freiheit –
und ich nahm sie wie ein Geschenk an:
Reichweite, Wachstum, Sichtbarkeit. Applaus in Zahlenform.
Ein Gefühl, das süchtig macht wie ein Stoff, den man nicht benennen will.

Am Anfang fühlt es sich an wie Selbstverwirklichung.
Und irgendwann merkst du langsam:
Du bist nicht mehr Mensch, du bist Content mit Puls.

Der Algorithmus ist kein neutraler Helfer.
Er ist ein narzisstischer Beziehungspartner.
Er belohnt dich, wenn du dich verbiegst.
Er ignoriert dich, wenn du eine Pause brauchst.
Er liebt dich nur, solange du funktionierst.

Irgendwann wusste ich nicht mehr:
Bin ich das – oder nur das, was performt?

Social Media, der stille Verführer

Der Aufstieg kam schleichend.
Nicht über Nacht, sondern Post für Post, Like für Like.

Und mit ihm:

  • permanenter Vergleich (du gegen Menschen, die du nie sein wolltest)
  • du denkst in Hooks, nicht mehr in Gedanken
  • Kreativität wird zur Produktionspflicht
  • nächtliche Anrufe
  • Grenzüberschreitungen, Belästigungen
  • Psychospielchen unter dem Deckmantel von „Networking“
  • der Dopaminkick: Likes als mikro-dosiertes Kokain fürs Nervensystem

Du bist beschäftigt.
Und beschäftigt fühlt sich lange an wie wichtig.

Social Media ist ein krasser Stoff.
Und kaum jemand spricht ehrlich über seine Nebenwirkungen –
über das, was er mit Aufmerksamkeit, Selbstwert und innerer Ruhe macht.

Der Hack: Wenn jemand deine Schlösser austauscht

Dann kam der Hackangriff.
Und plötzlich ging es nicht mehr um Reichweite, sondern um Existenz.

Ein Hack ist kein technisches Problem.
Er ist ein körperliches Erlebnis.

Es fühlt sich an, als hätte jemand die Schlösser deiner Wohnung ausgetauscht
und du stehst davor
und beobachtest Fremde in deinem Leben.

Fremde antworten in deinem Namen.
Existieren als du.

Für kurze Zeit ist alles nur noch:
Panik. Existenzangst. Kontrollverlust.

Und dann kommt das, worüber kaum jemand spricht:
Die Geschichte endet nicht mit dem Wiederherstellen von Accounts.
Sie beginnt dort erst.

Die leisen Langzeitfolgen

Zwei Jahre später:

  • Ich hole meine Kontoauszüge am Automaten. Papier in der Hand = Sicherheit.
  • Jede Phishing-Mail sorgt für Atemnot.
  • Misstrauen ist kein Gefühl mehr, sondern ein Reflex.
  • „Nur kurz klicken“ gibt es nicht mehr.

Trauma ohne Blaulicht.
Unsichtbar, aber hartnäckig.

Kaum jemand erzählt davon.
Vielleicht, weil es nicht dramatisch genug aussieht.
Vielleicht, weil es Scham berührt.

Schutzstrategien – die stillen Programme im Hintergrund

Ich schreibe das nicht, um mich oder irgendwen zu analysieren oder zu reparieren.
Diese Schutzstrategien sind keine Macken, sondern kluge Überlebensideen aus einer Zeit, in der wir sie gebraucht haben.
Heute dürfen wir sie erkennen, freundlich entlarven – und entscheiden, ob sie noch für uns arbeiten oder längst gegen uns.

Diese Ereignisse haben mich – mit spürbarem Nachdruck – dazu gebracht, mich noch einmal ganz anders mit meinen eigenen Schutzstrategien zu beschäftigen.
Mit diesen stillen Programmen, die wir seit frühester Kindheit in uns tragen und die uns im Erwachsenenleben, Tag für Tag, regelmäßig um die Ohren fliegen, während wir noch glauben, völlig souverän zu handeln.

Vermeidung, Anpassung, Kontrolle, Perfektionismus, Rückzug, Angriff –
das ganze Repertoire. Liebevoll gemeint, damals überlebenswichtig, heute oft hinderlich.

Unsere stillen Schutzprogramme (alltagstauglich übersetzt)

  • Vermeidung
    Ich nenne es Selbstfürsorge, dabei renne ich innerlich Slalom um alles, was mich wachsen lassen könnte.
  • Anpassung
    Ich spüre jede Stimmung im Raum – nur meine eigene vergesse ich zuverlässig mitzulesen.
  • Kontrolle
    Wenn ich alles im Griff habe, fühlt sich Chaos wenigstens organisiert an.
  • Perfektionismus
    Ich starte, sobald es perfekt ist. Spoiler: Ich starte nie.
  • Rückzug
    Ich brauche kurz Zeit für mich. Aus Versehen wurde daraus ein Lebensstil.
  • Angriff
    Kein Aufruf zur Schlacht, eher die verzweifelte Suche nach der Friedenspfeife – mit passiv-aggressivem Unterton.

Mich diesen Mustern ehrlich zu stellen, sie nicht zu pathologisieren, sondern bewusst zu verstehen, hat echte Veränderungen in meinem Leben angeschoben.
Das ist Teil meiner Arbeit. Und genau dort entsteht Authentizität.
Auch das ist eine Wirkung dieser Ereignisse.
Und ja – auch das ist ein Geschenk.

Fluch & Segen : der kalte Entzug

Was ich damals nicht ahnte:
Der Hackangriff war – paradoxerweise – der notwendige Auslöser für meinen Ausstieg.

Zwei Jahre mühseliges Selbststudium im Online-Marketing,
aufgebaut über Social Media,
waren auf einen Schlag vor die Wand gefahren.

Der Ausstieg fühlte sich nicht an wie Freiheit.
Er fühlte sich an wie kalter Entzug.

Social Media ist ein Stoff. Punkt.

Nebenwirkungen:

  • Reizüberflutung
  • verkürzte Aufmerksamkeitsspanne
  • emotionale Abstumpfung
  • permanentes „Ich müsste noch posten“
  • Schuldgefühle beim Nicht-Online-Sein
  • Entzugsleere, wenn der Feed plötzlich still ist

Und dann lag da etwas,
das mich anfangs völlig überforderte
und sich später als pures Geschenk entpuppte:

Zeit.

Zeit, die plötzlich da war.
Zeit, die niemand bewertete.
Zeit, die nicht performen musste.

Erschreckend ist, wie diese Dauerberieselung oft gerechtfertigt wird.
Aber na ja – Süchtige reden Scheiße ja gerne zu Gold.

Zeit haben wir alle. Wir geben sie nur ab.

Menschen zwischen 35 und 55 verbringen täglich mehrere Stunden (durchschnittlich 2,5 Stunden) auf Social Media.
Und gleichzeitig sagen wir kollektiv:
„Ich habe keine Zeit.“

Das ist keine Wahrheit.
Das ist ein neuzeitliches Mantra.

Zeit haben wir alle satt.
Die eigentliche Frage ist:
Wie verbringen wir sie – und wem überlassen wir sie?

Der Entzug hatte zwei Gesichter.
Erleichterung und Verlust.

Denn ja:
Ich habe Kontakte verloren.
Kulturelle Informationen.
Das Gefühl, „dazuzugehören“.

Dieses „etwas zu verpassen“ hat Wahrheitswert.
Es trifft tiefer, als man zugeben will –
weil es alte Glaubenssätze berührt,
die lange vor jedem Algorithmus entstanden sind und mit im Gepäck die „Schutzprogramme“.

Zurück ins echte Leben

Persönlicher Kontakt war immer meine Stärke.
Und trotzdem fühlte sich die Rückkehr manchmal an wie:

  • Smalltalk nach einem Burnout – man lächelt, während innen noch alles schreit
  • Autofahren ohne Stoßdämpfer – plötzlich spürt man jedes emotionale Schlagloch
  • nüchtern werden auf einer Party, die noch läuft
  • Dating nach einer toxischen Beziehung – man misstraut sogar netten Gesten

Echte Nähe ist langsamer.
Unberechenbarer.
Und genau deshalb so heilsam.

Zwischen Stolz und Scham – ein liebevolles Fazit

Es gibt einen Teil dieser Geschichte, der leiser ist als der Hack selbst.
Und ehrlicher als jede Erfolgsbilanz danach.

Ich schwanke bis heute zwischen Stolz und Scham.
Und ja – das ist unbequem.

Scham, weil Kontrollverlust gesellschaftlich nicht vorgesehen ist.
Scham, weil Missbrauch – auch digitaler – gern relativiert oder negiert wird.
Scham, weil man sich fragt, was man übersehen oder falsch gemacht haben könnte.

Und gleichzeitig Stolz.
Nicht laut. Nicht triumphierend.
Sondern tragend.

Stolz, weil ich hingeschaut habe.
Weil ich nicht im Opferstatus stehen geblieben bin.
Weil ich gelernt habe, dass Ambivalenz kein Zeichen von Schwäche ist, sondern von Bewusstsein.

Missbrauch ist kein Charakterfehler.
Und Scham ist keine Schuld, sondern eine erlernte Reaktion.
Dass sie auftaucht, bedeutet nicht, dass sie recht hat.

Ich schreibe das nicht als Abrechnung.
Und nicht als moralische Predigt gegen Social Media.

Ich schreibe es, weil Ehrlichkeit hier wichtiger ist als ein sauberes Narrativ.
Weil Authentizität nicht laut sein muss, um wirksam zu sein.

Heute fühle ich mich erleichtert.
Und stolz.
Und ja – auch traurig.

Aber dieser Stolz trägt.
Weil ich meine Zeit heute sinnstiftend nutze.
Weil ich präsent bin.
Weil ich bewusst entscheide.

Das Leben ist nicht mein Feind.
Und ich bin kein Opfer der Umstände.

Ereignisse haben mich befähigt, klarer zu wählen.
Und genau deshalb kann ich heute Menschen authentisch (auch in die Selbständigkeit) begleiten –
nicht aus Theorie,
sondern aus Erfahrung.
In Echtform. In echter Zeit.

Abspann

Manchmal platzt keine Profil-Blase, sondern eine Illusion – und zurück bleibt Ruhe, Authentizität und die Gewissheit, dass echtes Leben keinen Algorithmus braucht.

Wenn etwas davon nachklingt,
dann war es genau richtig, dass du hier warst.

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